Gkc25-Session: Lernen mit Fragen: Präsenztraining mit Chatbots gestalten
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| Lernen mit Fragen: Präsenztraining mit Chatbots gestalten | |
|---|---|
| Art | Barcamp-Session |
| KnowledgeCamp | KnowledgeCamp 2025 |
| Sessiongebende | Stefan Holtel
|
| Datum | 24.10.2025 |
| Zeit | 11:00 bis 11:45 Uhr |
| Sprache | Deutsch |
| Aufzeichnung | YouTube |
| Im Programm | Programm |
| KI-Unterstützung | GPT-6.1 Sol |
Aus dem Veranstaltungsprogramm:
Erlebe, wie du im Präsenztraining aus den Fragen der Teilnehmenden direkt den Unterricht entwickeln kannst. Mit Chatbots werden Fragelisten in Echtzeit sortiert und als Basis für die gemeinsame Gestaltung genutzt. So entsteht ein lebendiger Dialog, der Motivation fördert und Lernen interessengeleitet macht.
Zusammenfassung
Stefan Holtel verbindet die Question Formulation Technique (QFT) mit dem Einsatz von Chatbots, um Präsenzveranstaltungen entlang der Fragen der Lernenden zu gestalten. Ein sorgfältig vorbereiteter Fragenfokus eröffnet die Fragensammlung; anschließend unterstützt der Chatbot dabei, ähnliche Fragen zusammenzufassen, Prioritäten zu erkennen und eine didaktische Reihenfolge zu entwickeln. Die fachlichen Antworten gibt weiterhin der Lehrende. Anhand einer KI-Einführungsvorlesung und weiterer Erfahrungen erläutert Holtel, welche Vorbereitung, Improvisationsbereitschaft und Materialien dieses Vorgehen benötigt.
Aufbau der Session
Die Session beginnt mit der Herkunft und den Grundgedanken der QFT. Holtel berichtet, dass er die Methode etwa eineinhalb Jahre zuvor kennengelernt, praktisch erprobt und durch einen Onlinekurs an der Harvard School of Education vertieft habe. Als Ausgangspunkt nennt er eine Forschungsarbeit von Rothstein und Santana sowie deren 2011 erschienenes Buch Make Just One Change.
Darauf folgt eine Demonstration anhand eines Chatverlaufs aus einer Eröffnungsvorlesung zur Einführung in KI. Holtel zeigt, wie aus einer digitalen Fragensammlung Leitfragen und eine Unterrichtsdramaturgie entstehen. Die Diskussion behandelt anschließend Beteiligung, Medieneinsatz, Lernmaterialien, Prüfungen und den Umgang mit unerwarteten Fragen. Ein längerer Exkurs widmet sich dem Expert Debriefing. Zum Abschluss ermutigt Holtel dazu, die Methode auszuprobieren und den Fragenfokus gezielt vorzubereiten.
Fragen als Ausgangspunkt des Lernens
QFT setzt nach Holtels Darstellung nicht zuerst bei der Vermittlung von Inhalten an, sondern bei den Interessen der Beteiligten: Welche Fragen haben sie zu einem Thema? Er berichtet von Anwendungen mit unterschiedlichen Altersgruppen und in verschiedenen beruflichen Zusammenhängen.
Der Unterschied zu einer allgemeinen Aufforderung wie „Habt ihr irgendwelche Fragen?“ liegt für ihn in einem klaren Impuls und einem geregelten Verfahren. Eine sehr offene Frage könne Schweigen auslösen, weil die Teilnehmenden keinen Zugang zum Thema finden oder nicht wissen, was sie fragen sollen. QFT soll dagegen in kurzer Zeit viele Fragen hervorbringen. Als Beispiel nennt Holtel eine Konferenz mit ungefähr 140 Personen, bei der innerhalb von zehn Minuten rund 130 Fragen entstanden seien.
Vier eingängige Regeln strukturieren nach seiner Darstellung die Fragensammlung. Holtel erläutert diese nicht vollständig; die Session dokumentiert daher kein vollständiges Regelwerk. Besonders betont er, den Teilnehmenden keine Fragen vorzugeben und sie zu weiteren Fragen zu ermutigen. Seiner Erfahrung nach werden die Fragen im Verlauf interessanter: Zuerst kommen naheliegende, später differenziertere Fragen.
Der Fragenfokus steuert den Rahmen
Der Question Focus, auf Deutsch Fragenfokus, ist der zentrale vorbereitete Impuls. Er ist keine Frage, sondern beispielsweise eine Aussage oder ein Bild, zu dem die Teilnehmenden Fragen entwickeln. Seine Formulierung bestimmt wesentlich, welche Themen und Perspektiven angesprochen werden.
In der gezeigten Vorlesung lautet der Fragenfokus:
„Heute sind wir Kreatoren, Kommunikatoren und Koordinatoren. Mit Chatbots werden wir zukünftig Kombinatoren.“
Holtel wählt diesen Ausgangspunkt, weil er dazu auf eigene Inhalte und vorhandenes Material zurückgreifen kann. Die Offenheit des Unterrichts ist somit begrenzt: Die Lernenden formulieren ihre Fragen selbst, der Lehrende setzt jedoch den thematischen Rahmen.
In der Diskussion widerspricht Holtel deshalb der Vorstellung, dieselbe Vorlesung müsse durch wechselnde Fragen völlig andere Inhalte erhalten. Der sorgfältig gewählte Fokus macht die erwartbare Richtung der Fragen abschätzbar. Welche Schwerpunkte tatsächlich entstehen und wie die Antworten gestaltet werden, bleibt dennoch offen. Gelingt die gewünschte Ausrichtung nicht, sieht Holtel den Fehler zunächst bei der Vorbereitung des Fokus, nicht bei den Fragenden.
Fragen bearbeiten und priorisieren
Zur klassischen QFT gehört laut Holtel mehr als das Sammeln. Die Teilnehmenden arbeiten mit ihren Fragen und formulieren geschlossene Fragen in offene um sowie offene in geschlossene. Die Übung soll erfahrbar machen, dass unterschiedliche Formulierungen unterschiedliche Antworten hervorbringen. Wiederholtes Üben verbessert seiner Beobachtung nach die Qualität der Fragen.
Auch die Auswahl wichtiger Fragen gehört zum Verfahren. Holtel beschreibt die Aufforderung, nach der Bearbeitung drei Fragen für die weitere Arbeit auszuwählen, etwa für Forschungsprojekte. Entscheidend ist, den Zweck vorher zu klären: Wofür werden die Fragen gesammelt, und was soll anschließend damit geschehen?
In seiner Vorlesung dienen sie als Grundlage für die verbleibende Unterrichtszeit. Weil sich nicht jede Frage einzeln beantworten lässt, braucht es Verdichtung und Priorisierung. Hier setzt die Unterstützung durch den Chatbot an.
Vom Fragenpool zu Leitfragen
Die Auswertung umfangreicher Fragenlisten bezeichnet Holtel als aufwendig. In der Demonstration werden die Fragen digital erfasst und in den Chat übernommen. Er nennt MS Forms und auch Excel als verwendete Werkzeuge. Entscheidend ist für ihn, dass die Sammlung digital vorliegt.
Zu Beginn informiert er den Chatbot darüber, dass es sich um eine QFT-Abfrage handelt, lässt ihn das Material lesen und fordert ihn auf, weitere Anweisungen abzuwarten. Die Liste enthält Fragekennungen, die Fragen selbst und eine Einschätzung ihrer Wichtigkeit. Dieses zusätzliche Bewertungsfeld versteht Holtel als optionale Ergänzung.
Die Studierenden werden in die Auswertung einbezogen. Auf seine Frage nach dem nächsten sinnvollen Schritt schlägt ein Student vor, ähnliche Fragen zusammenzufassen. Der Chatbot erhält daraufhin den Auftrag, gemeinsame Themen in übergreifenden Fragen auszudrücken und die zugehörigen Kennungen anzugeben.
Aus mehr als 30 ursprünglichen Fragen entstehen in der Demonstration sechs Leitfragen. Sie betreffen unter anderem Definition und Rolle des Kombinators, Nutzen und Risiken, Voraussetzungen und Entwicklung sowie das Verhältnis zu Chatbots. Die Kennungen machen nachvollziehbar, welche Ausgangsfragen jeweils zusammengeführt wurden.
Didaktische Dramaturgie statt bloßer Rangliste
Eine Liste von Leitfragen genügt Holtel noch nicht. Der verbleibende Unterricht soll inhaltlich aufeinander aufbauen und in die verfügbare Zeit passen. Deshalb verbindet er mehrere Sortierkriterien:
- Die von den Teilnehmenden angegebene Wichtigkeit.
- Grundlegende Fragen, deren Antworten für weitere Themen benötigt werden.
- Fragen, deren Beantwortung zugleich andere Fragen abdeckt.
- Die zeitliche und dramaturgische Gestaltung der Veranstaltung.
Im Chat lässt Holtel zunächst die Leitfragen erneut auflisten und anschließend die ursprünglichen Fragen nach Wichtigkeit ordnen. Danach fordert er eine zusätzliche Sortierung nach inhaltlichen Voraussetzungen. So entsteht eine Reihenfolge, die etwa Definitionen und Merkmale vor darauf aufbauende Aspekte stellt.
Holtel betont, dass diese Prompts bewusst gewählt sind. Frühe Entscheidungen können spätere Ergebnisse beeinflussen; unkontrolliertes Ausprobieren könne dazu führen, die Steuerung des Chats zu verlieren. Er empfiehlt gezieltes Nachfragen und Präzisieren, wenn eine höhere Qualität benötigt wird. Die resultierende Struktur hilft ihm zu entscheiden, wann eine Erklärung, eine Demo, eine Übung oder eine Fallstudie sinnvoll ist.
Der Chatbot strukturiert, der Lehrende antwortet
Eine Nachfrage aus dem Publikum klärt eine zentrale Rollenverteilung: Die fachlichen Antworten entstehen nicht vollständig schriftlich im Chatbot. Holtel hält seine Vorlesung entlang der erarbeiteten Fragen und beantwortet sie selbst.
Das bedeutet für ihn weder spontane Wissensvermittlung ohne Vorbereitung noch das Abarbeiten eines fertigen Foliensatzes. Er greift auf Fachkenntnisse, vorbereitete Materialien und eine gepflegte Referenzdatenbank zurück. Darin sammelt er kleine Einheiten, die sich in ungefähr fünf bis zehn Minuten erklären lassen.
Zum Medieneinsatz gehören mindestens ein Flipchart für Skizzen und Modelle sowie gezielt ausgewählte Folien, Videos, Demonstrationen oder Übungen. Materialien sammelt Holtel unter anderem in Zotero. Der sichtbare Chatverlauf ist somit ein Strukturierungswerkzeug, nicht das einzige Medium des Unterrichts.
Beteiligung und Aufmerksamkeit
Holtel beschreibt eine veränderte Unterrichtsdynamik: Die Lernenden erleben, dass ihre eigenen Fragen den weiteren Verlauf bestimmen. In seiner dreistündigen Veranstaltung dienen ungefähr die ersten 20 Minuten dem Fragenfokus und der Sammlung. Nach einer Pause folgt die inhaltliche Arbeit entlang der verdichteten Fragen.
Die Fragen werden anonym gestellt. Nach Holtels Einschätzung bringt dies auch Personen in den Dialog, die sich mündlich eher zurückhalten. Die Bündelung in Leitfragen soll außerdem ermöglichen, das eigene Anliegen in einer übergeordneten Frage wiederzuerkennen.
Auf die Nachfrage, ob andere Fragen trotzdem zum Abschweifen führen, verweist er auf diese Verdichtung und die Priorisierung. Einen vollständigen Nachweis durchgehend höherer Aufmerksamkeit liefert er nicht. Seine Beobachtungen kennzeichnet er teilweise ausdrücklich als anekdotisch. Als positives Signal nennt er, dass Studierende anschließend eine KI-Fachkonferenz besuchten und Interesse an weiteren QFT-Anwendungen zeigten.
Lernmaterialien und Prüfung
Ein klassisches, vorab fertiggestelltes Skript verwendet Holtel in diesem Format nicht. Stattdessen erhalten die Studierenden den Chatverlauf und eine kuratierte Leseliste aus Buchkapiteln, wissenschaftlichen Papern, Blogs und Posts. Diese Materialien beziehen sich auf die tatsächlich behandelten Fragen und dienen der Nacharbeit.
Eigene Notizen empfiehlt er nicht aktiv, weil sie seiner Einschätzung nach von der Interaktion abhalten können. Ziel ist, Grundkonzepte in der Auseinandersetzung und anschließenden Vertiefung zu verinnerlichen.
Auch das Fragenstellen soll prüfungsrelevant werden. Holtel kündigt einen Anteil von ungefähr zehn bis zwanzig Prozent an; die übrigen Aufgaben betreffen die behandelten Inhalte. Die genaue Umsetzung ist zum Zeitpunkt der Session noch offen. Er erwägt Aufgaben, bei denen zu einer Aussage gute Fragen formuliert werden, und möglicherweise eine zusätzliche Vorbereitungseinheit vor der Prüfung.
Exkurs: Chatbots im Expert Debriefing
Aus einer Frage zum Wissenstransfer entsteht ein Exkurs zum Expert Debriefing. Holtel beschreibt Interviews, in denen ein Chatbot anhand vorbereiteter Fragebögen beim Erfassen unterschiedlicher Wissensarten unterstützt.
Dabei bleibt ein Mensch für die Gesprächsführung verantwortlich. Er paraphrasiert Antworten, entscheidet über Nachfragen und übersprungene Fragen und lässt Zusammenfassungen gemeinsam prüfen. Der Chatbot kann mögliche Antworten, Werkzeuge, Methoden oder Lücken sichtbar machen.
Holtel grenzt dieses Vorgehen ausdrücklich von einem automatisierten Ausfragen ab. Persönlicher Kontakt und die sensible Einschätzung der Gesprächssituation dürfen nicht verloren gehen. Der Chatbot kann kognitive Arbeit übernehmen, aber die Beteiligten müssen entscheiden, welche Aufgaben sie abgeben und welche nicht.
Empfehlungen für die Anwendung
Zum Abschluss ermutigt Holtel dazu, sich mit QFT zu beschäftigen und vorhandene Kurse und Materialien zu nutzen. Die wichtigste Hürde sieht er in der Bereitschaft, ohne ein festes Skript auf echte Fragen einzugehen.
Dazu gehört, Nichtwissen offen zu benennen. Eine unerwartete Frage kann an die Gruppe zurückgegeben, als Rechercheaufgabe bearbeitet oder später mit ergänzendem Material beantwortet werden. Holtel empfiehlt außerdem, den Fragenfokus vorab zu testen: Andere Personen können dazu Fragen formulieren; alternativ lässt sich ein Chatbot aus der Perspektive einer bestimmten Lerngruppe viele mögliche Fragen erzeugen.
So lässt sich prüfen, ob der Impuls in die gewünschte Richtung führt. Der Kern des Ansatzes bleibt die Verbindung aus bewusst gesetztem Rahmen, ernst genommenen Lernendenfragen und menschlicher Verantwortung für die Antworten.