Gkc25-Session: Lernen - Verlernen - Wissen - Vergessen
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| Lernen - Verlernen - Wissen - Vergessen | |
|---|---|
| Art | Barcamp-Session |
| KnowledgeCamp | KnowledgeCamp 2025 |
| Sessiongebende | Harald Schirmer
|
| Datum | 24.10.2025 |
| Zeit | 13:00 bis 13:45 Uhr |
| Sprache | Deutsch |
| Aufzeichnung | YouTube |
| Im Programm | Programm |
| KI-Unterstützung | GPT-6.1 Sol |
Aus dem Veranstaltungsprogramm:
Gelerntes Verlernen um offen zu sein für Neues Wissen
neu bewerten, wenn sich Rahmenbedingungen ändern
Vergessen verhindern lernen
Lernen liebt Wissen... ich möchte mit Euch unbequeme Fragen besprechen... über den Wert von Wissen im KI Zeitalter, der Verteidigung von Lernzeit, der Notwendigkeit und Trigger Dinge neu zu bewerten...
Kategorie 1: Wissen vergessen (loslassen) - Respekt und Effizienz
- „Das haben wir schon immer so gemacht“ - Wenn alte Verhaltensweisen, Ansichten, Glaubenssätze in neue Werkzeuge, Situationen/Kontexte mitgenommen werden“
- Beispiele:
- Umstieg von eMail auf Chat-Messenger (Viele kopierten das „Ordnerverhalten“ oder das „CC-Verhalten“ in Chat-Kanäle - mit dem Ergebnis der Überforderung)
- Klassische Management-Haltung: „Command&Control - Menschen sind faul, Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser, Wenn Du es gut haben willst, machs selbst, Viele Köche verderben den Brei..“ zu neuem Leadership Verständnis „aus Zutrauen erwächst Vertrauen“, „Servant Leadership“…
- Wissen, Erfahrungen und Gelerntes Verhalten ist in einem Kontext entstanden, ändert sich der Kontext wie werden wir wieder wirklich „offen“ neu zu lernen, neu zu bewerten?
- PRO Frage: Da sich die Mehrzahl erst mal „weiter so verhält“ + Unsicherheit ist das zu beobachtende Verhalten nicht aussagekräftig für den neuen Kontext - erst wenn eine Gruppe das „neue“ Verhalten sichtbar-erfolgreich oder wertgeschätzt, resilient vorlebt, können andere folgen.
Kategorie 2: Nicht-Wissen entdecken - Verantwortung übernehmen
- Erst wenn man lernt, kann man mit diesem Wissen, ganzheitlichere Entscheidungen treffen, Verhalten lernen
- Beispiele:
- Nicht-wissen Zustände bei Ressourcen-Gewinnung, Herstellungsprozesse oder Ökologische Wirkungen - erst mit dem Wissen darüber entstehen Handlungsspielräume und Verantwortung
- Anwendungs-Wissen Tool-Wissen - wer nicht weiß, wie ineffizient Dokumente sind, kann nicht danach handeln
- Methoden-Wissen - „zu wenig wissen“ - wer „Nur“ Sprints kennt, aber nicht das ganze Agile Framework, wird es nur als Stress erleben
- Welt-Wissen - Fachwissen vs. Zusammenhänge
Kategorie 3: Lebendiges Wissen - von-und miteinander Lernen
- Wissen in Datenbanken, Webseiten oder Büchern ist erst einmal „tot“
- „Lebendiges Wissen“ wird angewandt, diskutiert, transferiert, weiterentwickelt … es braucht Menschen dazu
Kategorie 4: WissensWert und nutzbares Fremdwissen - mit/durch KI
- Alles überall verfügbar?
- Wissen ohne Methoden?
- Mehr Wissen (mit KI) bei Unwissenheit (next Generations)
- mehr lernen durch „FremdWissen“ (Sprachen, Technologie, Studien, )
Zusammenfassung
Harald Schirmer und die Teilnehmenden diskutieren, wie Menschen vertraute Arbeitsweisen hinterfragen, unbekannte Wissenslücken entdecken und vorhandenes Wissen in Anwendung bringen können. Dabei wird „Verlernen“ nicht als Verlust von Wissen verstanden, sondern als Offenheit gegenüber veränderten Bedingungen. Die Diskussion verbindet persönliche Lernerfahrungen mit organisationalen Fragen: Welche Rahmenbedingungen ermöglichen Neues, wie lässt sich Verantwortung mit begrenzter Aufnahmefähigkeit vereinbaren, und wie wird dokumentiertes Wissen im Alltag wirksam? Die angekündigte vierte Kategorie zum Wert von Wissen und zur Nutzung von Fremdwissen mit KI bleibt ein Ausblick.
Aufbau und Arbeitsweise der Session
Schirmer eröffnet mit dem Anliegen, die Corporate Learning Community und die Gesellschaft für Wissensmanagement enger zusammenzubringen. Lernen und Wissen seien thematisch eng verbunden. Für die Corporate Learning Community beschreibt er das Ziel, organisationales Lernen durch neue Methoden, unterschiedliche Formate und Experimentierräume zu verbessern.
Anschließend stellt er vier Themenfelder zur Wahl: Loslassen vertrauter Muster, Entdecken von Nichtwissen, lebendiges Wissen sowie Wissenswert und nutzbares Fremdwissen. Die Anwesenden und online zugeschalteten Personen stimmen darüber ab, ob sie ein Thema vertiefen oder die gesamte Bandbreite betrachten möchten. Schirmer entscheidet sich nach der Abstimmung für die breite Erkundung.
Das Format soll ausdrücklich keine abschließende Erklärung oder gemeinsame Lösung liefern. Kurze Einführungen und Beispiele wechseln mit Beiträgen aus der Gruppe. Begriffe, Gefühle und Erfahrungen sollen als „Mosaikteile“ sichtbar werden und weitere Gespräche anstoßen. Tatsächlich werden die ersten drei Kategorien behandelt; für die vierte reicht die Zeit nicht.
Verlernen heißt: den Kontext neu bewerten
Schirmer distanziert sich bereits zu Beginn vom Begriff „Verlernen“. Er möchte nicht, dass Menschen erworbenes Wissen verlieren. Gemeint ist vielmehr die Bereitschaft, seine Passung zu einer neuen Umgebung zu prüfen.
Seine Metapher ist eine Person, die im Wald hervorragend mit Axt oder Motorsäge umgehen kann, später aber auf einem Dreimaster arbeitet. Das Werkzeug bleibt leistungsfähig, ist dort jedoch ungeeignet. Übertragen auf Organisationen bedeutet dies: Bewährte Fähigkeiten und Verfahren können unter veränderten Bedingungen hinderlich werden, ohne deshalb grundsätzlich schlecht zu sein.
Neue Werkzeuge brauchen neue Arbeitsweisen
Beim Wechsel von E-Mail zu Chat-Messengern beobachtete Schirmer während der Einführung von Office 365 bei Continental, dass Beschäftigte bekannte Muster übernahmen. Für bisherige Ordner entstanden Chatgruppen; auch das CC-Verhalten wanderte in die neue Umgebung. Statt die Möglichkeiten des Messengers zu nutzen, erzeugte diese Übertragung zahlreiche Kanäle und Überforderung.
Aus der Gruppe kommt dazu die Forderung, nicht nur Werkzeugfunktionen zu schulen, sondern Arbeitsprozesse zu vermitteln. Technische Dokumentation beantwortet noch nicht, welches Kommunikationsmittel für welchen Anlass geeignet ist. Ein neues Tool braucht deshalb auch neue Ideen für seine Verwendung.
Ähnlich argumentiert Schirmer beim Übergang von kontrollorientierter Führung zu mehr Eigenverantwortung. Wenn Beschäftigte nach einer solchen Aufforderung nicht selbstständig handeln, kann dies eine zutreffende Beobachtung sein. Sie beweist aber nicht, dass Eigenverantwortung grundsätzlich scheitert: Möglicherweise fehlen die dafür notwendigen Rahmenbedingungen.
Neugier, Überforderung und persönliche Relevanz
Die Diskussion zeigt unterschiedliche Erfahrungen mit Veränderung. Eine Teilnehmerin beschreibt das Festhalten am Bekannten als ressourcensparende Tendenz des Gehirns. Andere betonen Neugier und die Freude am Lernen. Wieder andere erleben die Vielzahl neuer Möglichkeiten als Überforderung. Ein gemeinsamer Konsens über diese Deutungen wird nicht hergestellt.
Mehrere Beiträge heben das individuelle Verhältnis zwischen Bewahren und Erneuern hervor. Lernen benötigt Motivation, Gelegenheit und ausdrücklich auch Zeit im Arbeitsalltag. Schirmer berichtet, dass er bewusst andere Werkzeuge, Betriebssysteme und Alltagssituationen ausprobiert, um Perspektiven zu wechseln. Er stellt dies als persönliche Praxis vor, nicht als Vorgabe für alle.
Bei der Informationsüberlastung setzt er einen Gegenimpuls: Seiner Einschätzung nach ist vor allem die Verfügbarkeit von Informationen gewachsen. Entscheidend seien deshalb geeignete Filter und die Fähigkeit, Relevanz zu beurteilen.
Für Veränderungsprozesse fordert er Respekt vor Komplexität und unterschiedlichen Ausgangspunkten. Eine reine Bedienungsanweisung reicht nicht. Menschen benötigen Kontext und ein persönlich nachvollziehbares Wozu; ein einheitlicher Top-down-Rollout könne diesen Unterschieden nicht gerecht werden.
Nichtwissen entdecken und Verantwortung übernehmen
Die zweite Kategorie verbindet zwei Fragen: Wie erkennen Menschen, was sie nicht wissen? Und welche Verantwortung entsteht, sobald sie davon erfahren?
Schirmer erläutert dies am Kauf einer Hose. Neben Passform, Gefallen und Preis können Wissen über Herstellung, Lieferketten, Kinderarbeit, Materialien oder Recycling sowie die Frage nach dem tatsächlichen Bedarf relevant werden. Zusätzliche Kenntnisse erweitern damit Handlungsspielräume, machen Entscheidungen aber auch anspruchsvoller.
Bei Werkzeugen und Methoden unterscheidet er zwischen einzelnen Kenntnissen und dem Verständnis von Zusammenhängen. Wer nur Sprints aus einem größeren agilen Ansatz übernimmt, hat diesen noch nicht verstanden. Ebenso reicht isoliertes Fachwissen nicht aus, wenn Auswirkungen auf andere Bereiche unberücksichtigt bleiben.
Wissenslücken werden im Austausch sichtbar
Die Teilnehmenden nennen verschiedene Wege, unbekanntes Nichtwissen zu entdecken:
- Erfahrene Kolleginnen und Kollegen einbeziehen und prüfen, ob eine Entscheidung auch für andere Bereiche passt.
- Magazine durchblättern, statt ausschließlich gezielt nach bereits bekannten Fragen zu suchen.
- Informelle Gespräche, Begegnungen auf dem Gang und gemeinsame Pausen ermöglichen.
- Communities of Practice nutzen, um Erfahrungswissen auszutauschen und jüngere Beschäftigte einzubeziehen.
- Die eigene soziale oder fachliche Umgebung verlassen und mit Menschen anderer Lebenskontexte sprechen.
- Auch entgegen vertrauter Hierarchien lernen: Jüngere oder vermeintlich weniger erfahrene Personen können bislang unbekannte Perspektiven eröffnen.
Zugleich werden Grenzen angesprochen. Eine Person möchte Wissen verlässlich auslagern können, um den eigenen Kopf zu entlasten. Andere empfehlen persönliche Prinzipien für wiederkehrende Entscheidungen. Ein weiterer Beitrag betont, dass erkannte Wissenslücken nicht zwangsläufig vollständig erforscht werden müssen. Auch die Verarbeitung belastender Erkenntnisse benötigt Raum.
Dem Zufall eine Chance geben
Schirmer greift das Durchblättern von Magazinen als Beispiel für Serendipität auf: Unerwartete Begegnungen können Wissen sichtbar machen, nach dem niemand gezielt gesucht hätte.
Er berichtet von seiner Situation nach 36 Jahren bei Continental. Während einer Freistellung legt er bewusst nicht sofort fest, welche Tätigkeit folgen soll. So möchte er Möglichkeiten entdecken, die er noch nicht kennt. Er bezeichnet diese Offenheit als mit Unsicherheit verbunden und erkennt zugleich die privilegierten Voraussetzungen seiner Situation an. Zufall einzubeziehen bedeutet für ihn nicht Beliebigkeit, sondern Raum für unerwartete Anregungen zu schaffen.
Wissen wird durch Anwendung und Begegnung lebendig
In der dritten Kategorie fragt Schirmer, was verhindert, dass gespeichertes Wissen diskutiert, übertragen und weiterentwickelt wird. Eine Teilnehmerin schildert eine E-Mail mit einem Link zum gesammelten Organisationswissen: Der Hinweis macht den Ablageort sichtbar, bewirkt aber noch keine Anwendung.
Als Hindernisse nennt die Gruppe fehlende Reflexionszeit und ungeklärte Möglichkeiten, Lernzeit betrieblich abzurechnen. Geschichten und Narrative werden dagegen als Wege beschrieben, Wissen wieder zugänglich und bedeutsam zu machen.
Der zunächst verwendete Ausdruck „totes Wissen“ wird ausdrücklich kritisiert. Nicht aktuell genutztes Wissen könne ein wertvoller Schatz sein, insbesondere wenn erfahrene Menschen eine Organisation verlassen. Vorgeschlagen werden Bezeichnungen wie passives oder geparktes Wissen. Schirmer nimmt die Kritik auf und kündigt an, den Begriff künftig zu vermeiden.
Wertschätzung statt bloßer Wissensabfrage
An Expert Debriefing verdeutlicht Schirmer den Unterschied zwischen Dokumentation und persönlicher Begegnung. Ein interessiertes Gespräch kann Wertschätzung vermitteln und Geschichten erschließen. Wird daraus eine standardisierte Verpflichtung, ein Formular oder ein Chatbot, könne gerade diese Qualität verloren gehen.
Als Möglichkeit schlägt er Gespräche zwischen ausscheidenden Beschäftigten und Menschen im Onboarding oder anderen Rollen vor. Eine Teilnehmerin ergänzt die Idee, Teammitglieder zum Interviewen ihrer Kolleginnen und Kollegen zu befähigen. Wissenstransfer wäre dadurch stärker im Team verankert.
Erfahrungen bereits während des Projekts teilen
Bei Lessons Learned berichtet Schirmer, dass er in seiner langjährigen Erfahrung kaum freiwillige Nutzung der entsprechenden Ablagen beobachtet habe. Er kennzeichnet dies als persönliche Beobachtung, nicht als grundsätzliche Abwertung der Methode.
Sein Vorschlag ist ein Projektblog: Erfahrungen werden während des laufenden Projekts festgehalten, gegebenenfalls mit Hashtags oder einer zuvor vereinbarten Taxonomie. So können andere sie bereits in vergleichbaren Situationen nutzen.
Eine Teilnehmerin setzt einen ergänzenden Akzent: Sie greift Wissen dann ab, wenn sie es benötigt, und entlastet ihren Kopf durch Auslagerung. Die Diskussion lässt damit beide Bedürfnisse sichtbar werden: Wissen im Arbeitsalltag begegnen zu können und es bei konkretem Bedarf gezielt abzurufen.
Offener Ausblick: Wissenswert und Fremdwissen
Die vierte Kategorie wird nur in der Einführung skizziert. Schirmer fragt nach dem Wert von Wissen, wenn viele Menschen jederzeit darauf zugreifen können, schränkt aber ausdrücklich ein, dass dieser Zugang nicht allen offensteht.
Als Beispiel für nutzbares Fremdwissen nennt er technisch unterstützte Verständigung trotz fehlender eigener Sprachkenntnisse. Damit verbindet er die Frage nach den notwendigen Methoden. Eine vertiefte Diskussion über KI und Wissenswert findet nicht mehr statt. Schirmer beendet die Session mit dem Angebot, dieses Thema bei einer nächsten Gelegenheit aufzugreifen.