Gkc25-Session: Lernen & Wissen - digital souverän
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| Lernen & Wissen - digital souverän | |
|---|---|
| Art | Barcamp-Session |
| KnowledgeCamp | KnowledgeCamp 2025 |
| Sessiongebende | Harald Schirmer
|
| Datum | 23.10.2025 |
| Zeit | 16:00 bis 16:45 Uhr |
| Sprache | Deutsch |
| Aufzeichnung | YouTube |
| Im Programm | Programm |
| KI-Unterstützung | GPT-6.1 Sol |
Aus dem Veranstaltungsprogramm:
- Abhängigkeit von US-BigTech (Risiko?) - Bewusst digital handeln - OpenSource, DSGVO, Dezentral, Fediverse, Augenhöhe
Die Session mit Harald Schirmer diskutierte digitale Souveränität als Frage bewusster Entscheidungen beim Lernen, beim Umgang mit Wissen und bei der Auswahl digitaler Werkzeuge. Im Mittelpunkt standen Abhängigkeiten von Anbietern, die Verantwortung für den Betrieb eigener Systeme und die Fähigkeiten, die Menschen für selbstbestimmtes digitales Handeln benötigen. Die Teilnehmenden brachten unterschiedliche berufliche und private Perspektiven ein. Ein gemeinsames bevorzugtes Werkzeug wurde nicht bestimmt; vielmehr zeigte die Diskussion, wie unterschiedlich Anforderungen, Vertrauen und verfügbare Ressourcen ausfallen.
Aufbau und Verlauf der Session
Die Session war als moderiertes Gespräch angelegt, nicht als durchgehender Vortrag. Schirmer eröffnete mit der Frage, welche Folgen gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Veränderungen für digital gespeichertes Wissen haben. Ausgehend von der Nutzung großer Cloudanbieter führte die Diskussion zu Alternativen und deren Betriebsaufwand.
Eine erste Runde fragte nach den persönlichen Gründen für digitale Souveränität. Dabei kamen Datensicherheit, wirtschaftliche Handlungsfähigkeit, Kinder und Schule, Aufklärung sowie die Möglichkeit zur Sprache, auch analog zu bleiben. Online zugeschaltete Teilnehmende wurden ausdrücklich einbezogen.
Anschließend verlagerte sich das Gespräch auf Vertrauen: Wer könnte Daten zuverlässig hosten, und nach welchen Kriterien lässt sich das beurteilen? Eine Schlussrunde stellte den Bezug zum Wissensmanagement her. Die Teilnehmenden nannten ihre Werkzeuge für persönliche Notizen und erläuterten teilweise, warum sie diese gewählt hatten oder woran frühere Lösungen gescheitert waren.
Bewusst entscheiden, wo Wissen liegt
Schirmers Ausgangspunkt war die lange Entwicklung hin zu digitalen Arbeitsweisen. Nachdem Menschen über Jahre an Wissensmanagement-, Kommunikations- und Zusammenarbeitstools herangeführt worden seien, liege nun viel Wissen bei großen Technologieunternehmen. Politische Veränderungen machten damit auch die Abhängigkeit von diesen Unternehmen zum Thema.
Er verwies auf mögliche Zugriffsmöglichkeiten amerikanischer staatlicher Stellen und auf die Frage, ob Dienste eingeschränkt werden könnten. Diese rechtlichen und politischen Einschätzungen bildeten seinen Problemaufriss; sie wurden in der Session nicht systematisch geprüft.
Ein konkretes Beispiel wurde unmittelbar korrigiert: Schirmer erwähnte zunächst Berichte über eingeschränkte E-Mail-Konten im Umfeld des Internationalen Strafgerichtshofs. Ein Teilnehmer stellte unter Verweis auf Gespräche mit den Autoren der Berichterstattung klar, betroffen gewesen sei ein privater Account, nicht der vom Gerichtshof verwaltete dienstliche Zugang. Schirmer nahm die Korrektur auf. Für ihn blieb die grundsätzliche Frage bestehen, welche Eingriffsmöglichkeiten ein Anbieter habe und welches Risiko daraus entstehe.
Seine Leitfragen gingen über technische Funktionen hinaus:
- Wem vertraue ich mein Wissen an?
- Welche Abhängigkeiten gehe ich dabei ein?
- Welche Anbieter unterstütze ich mit meinem Geld?
- Wie viel Zeit, Geld und zusätzlichen Aufwand bin ich für mehr Selbstbestimmung bereit zu investieren?
Unter digital bewusstem Handeln verstand er damit eine Auseinandersetzung mit den Folgen der eigenen Entscheidungen, nicht nur einen Wechsel der Software.
Eigener Betrieb bedeutet Verantwortung
Besonders deutlich wurde der Unterschied zwischen der Wahl eines Werkzeugs und dessen zuverlässigem Betrieb am Beispiel Nextcloud. Schirmer berichtete von seinem Einsatz in der Corporate Learning Community und in einer Waldorfschule. Für die Schule nannte er rund 400 Eltern und eine Beteiligungsrate von über 85 Prozent. Verwendet würden unter anderem Messenger, Terminplanung, Intranet und Wissensmanagementfunktionen.
Dem standen Berichte über nicht aktualisierte Installationen gegenüber. In der Diskussion wurden gemeldete Sicherheitslücken und unterschiedliche Reaktionen der verantwortlichen Einrichtungen beschrieben. Gegen Ende berichtete ein Teilnehmer außerdem von einer kurzfristig gefundenen, veralteten Schulinstallation mit mehreren ausnutzbaren Sicherheitslücken. Diese Beispiele unterstrichen, dass die Entscheidung für eine selbst betriebene Lösung allein noch keine Sicherheit schafft.
Schirmer betonte, er werbe nicht für Nextcloud als solches, sondern für digitale Souveränität. Dazu gehöre, Systeme genauer anzusehen und den Umgang mit ihnen zu lernen. Die zugespitzte Formulierung aus der Diskussion lautete: „Der Preis von Souveränität ist Arbeit.“
Auch der physische Standort wurde kontrovers behandelt. Ein Teilnehmer wollte Firmendaten auf einen Server im eigenen Wohnzimmer bringen. Dem wurde entgegengehalten, dass die räumliche Nähe der Daten nicht automatisch deren besseren Schutz bedeute. Professionell betriebene Rechenzentren und entsprechend ausgebildete Menschen könnten Schutz bieten, den ein eigener Server nicht ohne Weiteres erreiche.
Souveränität als Abwägung von Abhängigkeiten
Ein wichtiger Gegenakzent zur Suche nach Alternativen war die Auffassung, Souveränität bedeute nicht vollständige Unabhängigkeit. Entscheidend sei, selbst bestimmen zu können, welche Abhängigkeit man eingehe.
Ein Teilnehmer beschrieb dies als Risikomanagement: Mögliche Schäden und deren Eintrittswahrscheinlichkeit seien zu bewerten, bevor eine Entscheidung getroffen werde. Bei einer Unternehmensgründung könne deshalb auch Google Workspace eine souveräne Wahl sein, wenn damit ein schneller Start möglich werde. Wirtschaftliche Handlungsfähigkeit sei ebenfalls ein Ziel.
Andere Beiträge legten den Schwerpunkt auf Verlässlichkeit und dauerhaften Zugriff. Als Beispiel wurde Evernote genannt: Eine zunehmend eingeschränkte kostenlose Nutzung habe einen Teilnehmer zum Ausstieg bewegt. Die Kritik richtete sich dabei nicht grundsätzlich gegen große Anbieter, sondern gegen Veränderungen, die die eigene Nutzung erschwerten.
Die Diskussion brachte somit zwei Anforderungen zusammen: Alternativen sollen Entscheidungsspielräume eröffnen; zugleich müssen sie im jeweiligen Alltag funktionieren. Eine Lösung wurde nicht allein aufgrund ihrer Herkunft oder ihres Geschäftsmodells für alle Situationen empfohlen.
Fähigkeiten und niedrigschwellige Zugänge
Schirmer lenkte den Blick auf Hürden, die vor der eigentlichen Werkzeugnutzung liegen. Schon Passwörter, Anmeldung und Passwortmanager könnten Menschen überfordern. Wer dabei dauerhaft auf andere angewiesen sei, könne nur eingeschränkt selbstbestimmt handeln.
Er fragte deshalb, wie digitale Kompetenzen gemeinschaftlich und generationsübergreifend verbessert werden könnten. Kinder sollten verstehen, was es bedeutet, persönliche Angaben zu veröffentlichen oder mit belastenden Inhalten konfrontiert zu werden. Zugleich müssten Eltern und ältere Menschen mitgenommen werden. Sein Anliegen war, Alternativen anzubieten, deren Einstieg nicht bereits an technischen Voraussetzungen scheitert.
Weitere Beiträge griffen diesen Gedanken auf. Ein Teilnehmer betonte, zuerst müsse ein geschultes, bewusstes Auge entstehen, bevor geeignete Rahmenbedingungen beurteilt werden könnten. Eine online zugeschaltete Teilnehmerin beschrieb die Spannung zwischen ihrem gesellschaftspolitischen Anspruch und dem Aufwand digitaler Entscheidungen: Gerade bei einer Unternehmensgründung seien einfache, erprobte Lösungen verlockend, während bewusst gewählte Alternativen Arbeit und Wissen verlangten.
Ein anderer Beitrag erweiterte das Thema auf Sprachverständnis und Ausdrucksfähigkeit. Diese Fähigkeiten seien wichtig, um mit KI-Systemen wirksam zu kommunizieren und zu prompten. Souveränität wurde damit nicht nur als Kontrolle über Speicherorte verstanden, sondern auch als Fähigkeit, digitale Möglichkeiten tatsächlich zu gestalten.
Unterschiedliche Rollen und gesellschaftliche Teilhabe
Die persönlichen Begründungen zeigten, dass digitale Souveränität je nach Rolle etwas anderes bedeuten kann. Eine freiberuflich tätige Mutter unterschied zwischen der Verantwortung für die Daten ihrer Auftraggeber und der Sorge, welche Inhalte ihre Kinder auf schulischen Geräten erreichen. Andere Beiträge fragten nach dem Einfluss auf die eigene Informationsauswahl und auf den Einsatz digitaler Werkzeuge im Unterricht.
Ein Teilnehmer warnte vor einer Gesellschaft, die digitale Technik ausschließlich benutzt, aber nicht selbst betreiben oder entwickeln kann. Damit kam neben individueller Sicherheit auch wirtschaftliche Gestaltungskraft zur Sprache.
Ein Erfahrungsbericht aus der Coronazeit verdeutlichte eine weitere Dimension: Für ein druckbares Testergebnis sei die Installation einer App verlangt worden; diese habe wiederum einen Zugang zum Google Play Store vorausgesetzt. Der Teilnehmer kritisierte, für eine staatlich finanzierte Leistung eine Geschäftsbeziehung mit einem privaten Unternehmen eingehen zu müssen. Die anschließende Debatte unterschied zwischen der Kritik an solchen Bedingungen und den kurzfristig verfügbaren Handlungsmöglichkeiten.
Souveränität umfasste für einen weiteren Beitrag ausdrücklich auch die Entscheidung, wie häufig man digital unterwegs sein möchte und welche Tätigkeiten analog bleiben dürfen.
Vertrauen braucht nachvollziehbare Kriterien
Die Frage nach vertrauenswürdigen Stellen führte nicht zu einem gemeinsamen Anbieter, sondern zu unterschiedlichen Vertrauensmodellen:
- Der europäische Rechtsraum wurde als möglicher Rahmen für den Schutz bestimmter Rechte genannt.
- Persönliche Beziehungen konnten Vertrauen begründen, etwa zu einem fachkundigen Familienmitglied, das einen Server einrichtet.
- Gemeinschaftliche Prüfung und Diskussion wurden als Stärke von Open Source und zivilgesellschaftlichen Organisationen hervorgehoben.
- Transparenz über Informationsgrundlagen, Finanzierung und Interessen wurde als wichtiges Beurteilungskriterium beschrieben.
Als konsultierte oder geschätzte Organisationen wurden unter anderem der Chaos Computer Club, Digitalcourage und D64 genannt. Daneben stand die Position, zunächst niemandem pauschal zu vertrauen, sondern mögliche Folgen und die eigene Risikobereitschaft zu prüfen.
Die Gesprächsbeiträge mahnten außerdem, technische Aussagen nicht ungeprüft zu übernehmen und Entscheidungen nicht allein an Sympathie oder Ablehnung gegenüber Personen und Unternehmen festzumachen. Konkret wurde dazu aufgefordert, kompetente Menschen zu fragen, technische Funktionsweisen zu klären und den jeweiligen Anwendungsfall zu betrachten.
Persönliches Wissensmanagement: pragmatische Mischungen
Die Schlussrunde zeigte eine breite Werkzeuglandschaft. Genannt wurden Papier und Stift, Obsidian, Nextcloud und Collectives, OneNote, Confluence, Logseq, Capacities.io, reMarkable, Mindmaps, PDFs sowie verschiedene Cloudangebote.
Mehrere Erfahrungen machten die zuvor diskutierten Abwägungen greifbar. Eine Teilnehmerin hatte Nextcloud auf einem gemieteten Server eingerichtet, sich anschließend aber gegen dessen Nutzung entschieden: Die laufende Pflege überstieg ihre eigenen Fähigkeiten als Serveradministratorin. Eine andere geschilderte Lösung kombinierte einen gehosteten Dienst mit einem proprietären Notizwerkzeug; ausschlaggebend waren funktionierende Synchronisation, Bezahlung des Dienstes und die Möglichkeit zum Markdown-Export.
Obsidian wurde sowohl lokal als auch mit unterschiedlichen Cloudlösungen verwendet. Dabei kamen Synchronisationsprobleme zur Sprache. Schirmer berichtete selbst von Obsidian mit Nextcloud und unterschied zwischen individuellen Notizen und gemeinschaftlicher Arbeit: Collectives sei für ihn allein weniger passend, für Gruppen wegen der gemeinsamen Bearbeitung dagegen sehr leistungsfähig.
Andere Teilnehmende wollten Wissen unmittelbar im bestehenden Arbeitsablauf halten, statt zusätzliche Ablagen aufzubauen. Chronologische Ordnung, Wiedervorlage und eine möglichst geringe Zahl von Werkzeugen standen dabei im Vordergrund. Wiederholte Wechsel wurden als Verbrauch von Lebenszeit und als ermüdend beschrieben.
Die Schlussrunde lieferte damit keine Rangliste. Sie machte sichtbar, dass eine tragfähige Entscheidung nicht nur Sicherheitsvorstellungen erfüllen muss, sondern auch zu Kompetenzen, Zusammenarbeit und alltäglichen Routinen passen sollte.