Gkc24-Vortrag: Wissen ist Macht: Wissensmanagement aus der Sicht von Abgeordneten
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| Wissen ist Macht: Wissensmanagement aus der Sicht von Abgeordneten | |
|---|---|
| Art | Vortrag |
| KnowledgeCamp | KnowledgeCamp 2024 |
| Speaker*in | René Mittelstädt |
| Organisation | GPM Deutsche Gesellschaft für Projektmanagement e.V. |
| Track | Kuratierter Track Verwaltung, Stiftungen und Verbände |
| Datum | 10.10.2024 |
| Zeit | 17:00 bis 17:45 Uhr |
| Sprache | Deutsch |
| Aufzeichnung | YouTube
|
| KI-Unterstützung | GPT-6.1 Sol |
Aus dem Veranstaltungsprogramm
Von der öffentlichen Meinung bis hin zu guter Lobbyarbeit - politische Entscheidungen basieren auf einer Vielzahl von Faktoren. Wissenschaft und Wirtschaft haben den hohen Stellenwert der Ressource Wissen längst erkannt, doch wie sieht es eigentlich in unseren Parlamenten aus? Stimmt das Klischee vom fachfremden Politiker, der alles, was länger als zwei Seiten ist, gar nicht erst liest? Der Vortrag widmet sich der Fragestellung, wie Politiker ihr Wissen im Alltag managen und zeigt den Nutzen von guter Wissensarbeit für politische Entscheidungsträger.
Disclaimer: Diese Seite ist KI-generiert, basierend auf einer KI-Zusammenfassung des Transkripts vom vorstehenden Youtube-Video!
Überblick
René Mittelstädt untersucht, wie Abgeordnete Wissen sammeln, organisieren und für parlamentarische Entscheidungen nutzen. Anhand einer Bundestagsfallstudie, einer europaweiten Befragung und qualitativer Interviews beschreibt er Wissensverluste, begrenztes Wissensteilen und die zentrale Rolle der Mitarbeitenden. Seine Befunde sprechen für einen Zusammenhang zwischen Wissensmanagement und selbst eingeschätzter Fachkompetenz; ein signifikanter Zusammenhang mit dem gemessenen parlamentarischen Output ließ sich dagegen nicht nachweisen. Wissensmanagement erscheint damit als möglicher Verbesserungsansatz, nicht als umfassende Lösung politischer Probleme.
Aufbau und Ausgangspunkt
Der Vortrag verbindet Mittelstädts Erfahrungen aus dem politischen Sektor mit seiner Forschung. Er beginnt mit der These, dass gute Politik eine gute Wissensbasis benötigt. Wissensmanagement könne dafür Methoden, Werkzeuge und einen veränderten Umgang mit Wissen bereitstellen. Was genau ein gutes politisches Ergebnis ausmacht, lässt er ausdrücklich offen.
Anschließend beschreibt er praktische Probleme parlamentarischer Wissensarbeit und ordnet den Gedanken „Wissen ist Macht“ historisch ein. Darauf folgen die Forschungslücke, seine Untersuchungen und drei zentrale Hypothesen. Zum Abschluss skizziert er ein politisches Wissensmanagementsystem. Die Diskussion erweitert den Vortrag um Lobbyarbeit, Personalwechsel, Fraktionen und den offenen Umgang mit Wissenslücken.
Mittelstädt bezeichnet Parlamente als Orte mit umfangreichen Wissensbeständen. Wissen liege bei Abgeordneten, Fraktionen und Mitarbeitenden sowie in Archiven und Bibliotheken. Entscheidend sei jedoch, ob dieses Wissen verfügbar wird und in Entscheidungen einfließt.
Fachkompetenz und strukturelle Wissensprobleme
Zu Beginn greift Mittelstädt zugespitzte Vorstellungen über unzureichend qualifizierte Politikerinnen und Politiker auf. Seine spätere Argumentation korrigiert jedoch das pauschale Bild mangelnder Expertise: Die meisten von ihm interviewten Abgeordneten verfügten über langjährige Berufserfahrung, teilweise auch über Forschungserfahrung. Das Problem liege somit nicht allein beim individuellen Wissen, sondern wesentlich bei dessen organisatorischer und kultureller Behandlung.
Ein Beispiel ist die Besetzung von Ausschüssen. Fraktionen müssen aus ihrem vorhandenen Personal unterschiedliche Politikfelder abdecken. Dabei können Abgeordnete Aufgaben übernehmen müssen, die nicht ihrem bevorzugten Fachgebiet entsprechen.
Hinzu kommt der Verlust erfahrener Fachpolitikerinnen und Fachpolitiker durch Nichtantritt oder Abwahl. Mittelstädt schildert dies anhand seiner Erfahrungen in der Kulturpolitik. Mit ausscheidenden Personen gehe Wissen verloren, ohne dass dessen Weitergabe zuverlässig gesichert sei.
Die Finanzkrise dient ihm als Anlass für die Frage, ob Politik aus vorhandenem Wissen ausreichend lernt. Er verweist auf historische Untersuchungen und wiederkehrende Krisenmuster. Eine ausführliche Krisenanalyse ist jedoch nicht Gegenstand des Vortrags; sie führt zur übergeordneten Frage nach dem Beitrag von Wissensmanagement zur politischen Entscheidungsqualität.
Forschungslücke: Abgeordnete statt nur Verwaltung
Mittelstädt führt die historische Formel „Wissen ist Macht“ auf Francis Bacon zurück und beschreibt ihre spätere Aufnahme durch Thomas Hobbes. Damit unterstreicht er, dass Wissen als wichtige Ressource keineswegs eine neue Idee ist.
Für Wissensmanagement verweist er auf etablierte Modelle und Untersuchungen im öffentlichen Dienst. Eine Forschungslücke sieht er dagegen bei den Abgeordneten selbst. Die von ihm erwähnten parlamentarischen Studien beschäftigten sich überwiegend mit Verwaltung, Bibliotheken oder Datenbanken. Die Wissensarbeit politischer Entscheidungsträger stehe darin kaum im Mittelpunkt.
Seine eigene Forschung setzt hier an. Zwei Annahmen tragen die Untersuchung: Einerseits vermutet er, dass systematisches Wissensmanagement im Parlament fehlt. Andererseits geht er davon aus, dass viele Abgeordnete gut ausgebildet und fachlich kompetent sind. Beides kann gleichzeitig zutreffen, wenn organisatorische und kulturelle Bedingungen die Nutzung vorhandenen Wissens erschweren.
Bundestagsfallstudie: Wissensverlust und geringe Systematik
In seiner früheren Fallstudie zum Deutschen Bundestag befragte Mittelstädt ausschließlich Abgeordnete, nicht deren Mitarbeitende. Er berichtet, ungefähr 709 Personen angeschrieben und weniger als 30 Antworten erhalten zu haben. Diese geringe Beteiligung begrenzt die Aussagekraft erheblich.
Unter den Antwortenden bezeichneten nach seiner Darstellung 97 Prozent den Wissensverlust durch ausscheidende Mitarbeitende und Abgeordnete als großes Problem. Etwa die Hälfte gab an, keine systematischen Verfahren oder Strategie zu besitzen. Rund 30 Prozent berichteten von Verfahren im jeweiligen Büro, wobei offenbleibe, was darunter konkret verstanden wurde.
Als wichtige Informationsquellen nennt Mittelstädt traditionelle Medien, akademische Literatur und das eigene politische Umfeld. Letzteres deutet er als Hinweis auf die Bedeutung politischer Informationsblasen.
Er betont zusätzlich Verständnisprobleme: Rückmeldungen hätten gezeigt, dass manche Befragte mit Wissensmanagement oder Begriffen wie „implizit“ wenig anfangen konnten. Die Zahlen seien deshalb vorsichtig zu lesen. Für ihn weisen sie dennoch auf ein wahrgenommenes Problem hin, für das vielen eine Lösung fehlt. Ein vollständigeres Bild müsste auch die Abgeordnetenbüros einbeziehen.
Europaweite Untersuchung und methodische Grenzen
Die anschließende Untersuchung ist Teil seiner Doktorarbeit. Sie fragt danach, wie Abgeordnete in Europa relevantes Wissen sammeln, verwalten und analysieren, insbesondere im Zusammenhang mit Krisenmanagement.
Mittelstädt kombiniert zwei Zugänge:
- Eine quantitative Befragung richtete sich an rund 8.763 Abgeordnete der nationalen Parlamente der Europäischen Union. 218 antworteten; 136 füllten den Fragebogen vollständig aus.
- Ergänzend führte er Experteninterviews mit sieben Finanzpolitikern aus sechs Ländern.
Den Methodenmix begründet er unter anderem mit dem erwartbar geringen Rücklauf. Aus eigener Arbeit in Abgeordnetenbüros kennt er die Vielzahl wissenschaftlicher Fragebögen, die dort eingehen.
Auch bei dieser Untersuchung bleiben Begriffsverständnis und geringe Fallzahlen wichtige Einschränkungen. Mittelstädt räumt ein, einzelne Fragen hätten verständlicher formuliert werden können. Seine Präsentation fasst die statistischen Ergebnisse zudem bewusst stark zusammen.
Ergebnisse: Überblick, Selbsteinschätzung und parlamentarischer Output
Implizites und unorganisiertes Wissen
Die erste Hypothese betrifft die Annahme, dass parlamentarisches Wissen implizit und unorganisiert ist. Mittelstädt berichtet von einer deutlichen Zustimmungstendenz, die er zusammengefasst mit fast 70 Prozent beschreibt. Zugleich handelt es sich um subjektive Einschätzungen, deren Interpretation durch Verständnisprobleme erschwert wird.
Er versteht diesen Befund als Diskussionsgrundlage: Menschen mit parlamentarischer Erfahrung nehmen offenbar Defizite wahr. Ein abschließender Nachweis über die tatsächliche Organisation sämtlicher Wissensbestände ist damit nicht verbunden.
Wissensmanagement und fachlicher Überblick
Die zweite Hypothese fragt nach einem Zusammenhang zwischen Wissensmanagementmethoden und dem Überblick über das eigene Fachgebiet. Mittelstädt betont, wie breit selbst einzelne Politikfelder sind. In Kultur- oder Finanzpolitik könne niemand alle Teilgebiete gleichermaßen beherrschen.
Aus mehreren abgefragten Praktiken bildete er einen Indikator für die Nutzung von Wissensmanagement. Er berichtet eine positive Korrelation: Wer diese Methoden stärker nutzte, schätzte die eigene Fachkompetenz höher ein.
Damit ist ein Zusammenhang mit der Selbsteinschätzung beschrieben, keine unabhängig gemessene Verbesserung politischer Entscheidungen. Mittelstädt bemerkt außerdem, dass sich die Mehrheit überdurchschnittliche Expertise zuschrieb. Das Selbstbild der Befragten bleibt somit ein wichtiger Bestandteil der Interpretation.
Kein signifikanter Zusammenhang mit dem Output
Die dritte Hypothese betrifft den Nutzen für die parlamentarische Arbeit. Dafür erhob Mittelstädt unter anderem die Anzahl von Anträgen und Anfragen. Eine sichtbare positive Tendenz war statistisch nicht signifikant; die Hypothese ließ sich mit dieser Untersuchung nicht bestätigen.
Auch die Messgröße ist problematisch. Opposition und Regierungsfraktionen arbeiten unter unterschiedlichen Bedingungen. Hierarchien, Namenszuordnungen und Aufgabenverteilung beeinflussen den sichtbaren Output. Die Anzahl von Reden oder Initiativen bildet deshalb nicht ohne Weiteres die gesamte parlamentarische Leistung ab.
Mitarbeitende, Wissenssilos und Entscheidungsdruck
Die qualitativen Interviews verdeutlichen die starke Abhängigkeit der Abgeordneten von ihren Mitarbeitenden. Diese beschäftigen sich kontinuierlich mit einzelnen Themen und bereiten Informationen oder Texte vor. Mittelstädt schildert sowohl fachliche Diskussionen auf Augenhöhe als auch Situationen, in denen Abgeordnete vorbereitete Texte weitgehend unverändert nutzten. Er versteht diese Arbeitsteilung als notwendiges Vertrauen innerhalb des Systems.
Ein wesentliches Hindernis ist das Wissensteilen. Konkurrenz zwischen Regierung und Opposition sowie innerhalb von Parteien erschwert die Weitergabe. Wer wiedergewählt werden und eigene Leistungen sichtbar machen möchte, hat nicht automatisch ein Interesse daran, Informationen umfassend zu teilen.
Technische Zugangsgrenzen verstärken diese Wissenssilos. Eine gemeinsame Datenbank über Parteigrenzen hinweg wäre aus Sicht des Wissensmanagements wünschenswert, erscheint Mittelstädt politisch aber schwer vorstellbar.
Hinzu kommt Zeitdruck. Bei einer Abstimmung muss eine Entscheidung getroffen werden, auch wenn Wissenslücken bleiben. Arbeitsteilung bedeutet zudem, dass Fachpolitikerinnen und Fachpolitiker über Vorlagen aus anderen Themengebieten mitentscheiden. Ideologische Positionen beeinflussen dabei, welche politischen Schlussfolgerungen aus denselben Informationen gezogen werden.
Verbesserungsansätze und Diskussion
Mittelstädt skizziert als Vision ein politisches Wissensmanagementsystem. Dazu zählt er bessere Kommunikationswege, Wissensteilung, die Einbindung von Fachleuten in Ausschüsse und eine stärkere Berücksichtigung von Wissenskompetenzen bei der personellen Aufstellung. Bestehende Angebote wie den Wissenschaftlichen Dienst bewertet er positiv. Entscheidend sei zusätzlich ein kultureller Wandel, der Wissen stärker wertschätzt.
In der Diskussion benennt er mögliche institutionelle Verbesserungen: Wissens- und Informationssysteme, einen ausgebauten Wissenschaftlichen Dienst sowie stärker eingebundene Expertinnen und Experten. Diese Ansätze benötigten zusätzliche Ressourcen. Demokratisch bedingte Personalwechsel und damit verbundene Wissensverluste ließen sich allerdings nicht vollständig aufheben.
Eine Publikumsanregung richtet den Fokus auf Fraktionen: Sie könnten Wissen bündeln und neue Abgeordnete qualifizieren. Mittelstädt nimmt diesen Vorschlag auf, verweist aber auf unterschiedliche politische Kulturen. Zur Weiterbeschäftigung von Mitarbeitenden der Vorgänger beschreibt er parteiinterne Beziehungen und Personalabsprachen als Einflussfaktoren.
Auf die Frage nach der Qualität lobbyistisch vermittelten Wissens bezeichnet er Lobbyorganisationen auch als wertvolle Wissensträger. Einen verpflichtenden, aus seiner Sicht befriedigenden Prüfprozess sieht er jedoch nicht. Sachverständigenanhörungen und der Wissenschaftliche Dienst böten Instrumente zur Einordnung; die politische Entscheidung bleibe bei den Abgeordneten.
Einen offeneren Umgang mit Wissenslücken hält Mittelstädt für möglich und teilweise vorteilhaft. Fehlerkultur und Kritikfähigkeit seien im politischen Umfeld ausbaufähig. Die grundlegenden Wissensprobleme betrachtet er als europaweit verbreitet, bei unterschiedlichen Ressourcen und Unterstützungsstrukturen.
Sein Fazit bleibt bewusst begrenzt: Wissensmanagement ist kein Heilmittel, kann aber helfen, vorhandenes Wissen besser zu nutzen. Abschließend lädt er zur Lektüre seiner veröffentlichten Untersuchungen und zur weiteren Diskussion ein.