Gkc25-Session: Haptik schlägt Hektik: Co‑Creation zum Anfassen
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| Haptik schlägt Hektik: Co‑Creation zum Anfassen | |
|---|---|
| Art | Vortrag |
| KnowledgeCamp | KnowledgeCamp 2025 |
| Speaker:in | Karina Antons, Simon Didszuweit |
| Organisation | bikablo GmbH |
| Track | Kuratierter Track |
| Datum | 24.10.2025 |
| Zeit | 13:00 bis 13:45 Uhr |
| Raum | Berlin (1.OG) |
| Sprache | Deutsch |
| Aufzeichnung | YouTube |
| Im Programm | Programm |
| KI-Unterstützung | GPT-6.1 Sol |
Aus dem Veranstaltungsprogramm:
In diesem Gespräch befragt Wissensmanager Simon Didszuweit die Visualisierungsexpertin Karina Antons, wie Wissen und Veränderungsprozesse sichtbar gemacht werden können. bikablo setzt dabei nicht nur auf das Übersetzen von Inhalten in Bilder, sondern vor allem auf das Initiieren von Dialogen, bei denen gemeinsames Verständnis entsteht. Ob Skizze oder große Leinwand – Ziel ist, Räume zu schaffen, in denen auch implizites Wissen formuliert werden kann. Denn KI revolutioniert den Umgang mit Informationen, stößt aber beim Erfahrungswissen oft an Grenzen. Was fehlt, zeigen die Dialoge mit Kund*innen: Nicht jedes KI-Tool kann komplexe Bedarfe erfüllen. Darüber unterhalten sich Karina und Simon voller Neugier aus ihren jeweiligen Perspektiven.
Zusammenfassung
Im Gespräch mit Simon Didszuweit erläutert Karina Antons, wie Visualisierung Wissen erklären, dokumentieren und gemeinsam hervorbringen kann. Im Mittelpunkt steht nicht das fertige Bild, sondern der Prozess seiner Entstehung: Menschen aus unterschiedlichen Arbeitsbereichen zeichnen, diskutieren und überarbeiten ihre Perspektiven. Haptische und spielerische Zugänge sollen Neugier fördern und eingefahrene Gesprächsmuster unterbrechen. KI-generierte Bilder können dabei unterstützen, ersetzen aus Antons’ Erfahrung aber nicht den Dialog, durch den ein Bild für die Beteiligten Bedeutung gewinnt.
Aufbau und Gesprächsverlauf
Die Session ist als moderiertes Gespräch mit Beispielen, Publikumsfragen und einer kurzen praktischen Übung gestaltet. Zunächst stellt Antons bikablo vor. Der Name entstand aus der Abkürzung für einen Bilderkartenblog mit einfachen Zeichenvorlagen. Diese sollten auch Menschen ohne zeichnerische Übung ermöglichen, Bilder in der Zusammenarbeit einzusetzen. Antons beschreibt ein seit ungefähr 20 Jahren bestehendes Unternehmen in Köln mit einem deutschen und einem etwa gleich großen internationalen Team.
Anschließend unterscheidet sie drei Funktionen visueller Arbeit: Wissen vermitteln, geteiltes Wissen dokumentieren und neues Wissen generieren. Beispielbilder führen vom Erklären über Graphic Recording zu kokreativen Workshops. Didszuweit verbindet diese Ansätze mit Erfahrungen aus dem Wissensmanagement. Fragen aus dem Publikum betreffen unter anderem KI, digitale Formate und die Beteiligung unterschiedlicher Organisationsebenen.
Eine Bildassoziationsübung macht den Gesprächszugang unmittelbar erfahrbar. Zum Abschluss geht es um sensorische Wahrnehmung, Erschöpfung im Arbeitsalltag und die Frage, wie sich Freiräume für gemeinsame Erkenntnis schaffen lassen.
Drei Funktionen von Bildern im Umgang mit Wissen
Wissen erklären und vermitteln
Antons beschreibt Bilder zunächst als zusätzlichen Zugang zu schwierigen Inhalten. Als Beispiele nennt sie neue Prozesse, komplizierte Werkzeuge und kulturelle Ziele einer Organisation. Ein Erklärbild soll über einen Text hinaus zeigen, welche Bausteine für die Arbeit wichtig sind.
Ein weiteres Beispiel betrifft ein Klimaneutralitätsprojekt in Leipzig. Das gezeigte Bild verbindet zahlreiche Beteiligte und regionale Aktivitäten. Seine vielen Einzelheiten erlauben es, unterschiedliche Anschlusspunkte zu erkunden, etwa Nachhaltigkeit in der Schule. Die Beispiele veranschaulichen, dass ein Erklärbild je nach Aufgabe übersichtlich oder bewusst detailreich gestaltet sein kann.
Wissen während des Austauschs dokumentieren
Beim Graphic Recording werden Inhalte während einer Veranstaltung visuell festgehalten. Die Aufzeichnung setzt Schwerpunkte und bietet einen Anlass, die eigene Wahrnehmung mit der anderer Teilnehmender zu vergleichen. Fotos der Bilder können später weitere Gespräche ermöglichen.
Antons betont die Abstimmung mit den Veranstaltenden: Soll das Ergebnis sachlich oder erzählerisch sein? Sind genaue Formulierungen wichtig, oder werden diese bereits anderweitig protokolliert? Dementsprechend unterscheiden sich Stil und Informationsdichte.
Manche Aufzeichnungen erschließen sich vor allem Menschen, die dabei waren. Digitale Dokumentationen können dagegen gezielt aufgeräumt und zu einem Gesamtprodukt zusammengestellt werden. Als Beispiel zeigt Antons eine mehrtägige Konferenz, deren einzeln dokumentierte Keynotes anschließend in einem gemeinsamen Dokument verschickt wurden. Analog oder digital ist für sie deshalb eine Frage des Nutzungskontexts.
Wissen gemeinsam generieren
Den Schwerpunkt bildet die dritte Funktion: Bilder helfen, in bislang unbekannten Situationen gemeinsame Antworten zu entwickeln. Antons nennt Veränderungen in der Energieversorgung, bei denen neue Aufgaben auf bestehende Zuständigkeiten treffen. Gleichzeitig müssen Organisationen unter anderem Generationenwechsel, Personalmangel und Digitalisierung bewältigen.
Wer künftig was übernimmt und mit wem sprechen muss, lässt sich nach ihrer Darstellung nicht allein durch eine KI-Abfrage klären. Dafür müssen unterschiedliche Perspektiven zusammenkommen. Die Zeichnung ist hier kein Abbild einer bereits fertigen Lösung, sondern ein Arbeitsmittel ihrer Entwicklung.
Ein Bild als Beginn eines vertieften Gesprächs
Einfache Bilder sollen Komplexität nicht so weit reduzieren, dass vermeintlich alles auf einen Blick geklärt ist. Antons formuliert ihren Anspruch so: „Ein Bild ist immer Auftakt für ein Gespräch auf einem höheren Level.“
Ein vorhandenes Bild macht Ergänzungen leichter. Menschen können darauf zeigen und benennen, was fehlt, statt ohne Bezugspunkt spontan alle relevanten Aspekte aufzählen zu müssen. Am Beispiel einer Fernwärmeleitung erläutert Antons, wie eine Zeichnung neue Fragen hervorbringt: Wenn eine Straße für Bauarbeiten geöffnet werden muss, geraten etwa dort verlaufende Buslinien in den Blick.
Didszuweit erkennt darin eine Verbindung zum Wissensmanagement. Wissenstransfer verlangt nicht nur, Wissen verfügbar zu machen, sondern auch Interesse auf der empfangenden Seite zu wecken. Bilder können zwischen diesen Aufgaben vermitteln, indem sie konkrete Anlässe für Nachfragen schaffen.
Co-Creation: Bedeutung entsteht durch Beteiligung
An einem gemeinsam entwickelten Bild für Enercity erklärt Antons den Unterschied zwischen Illustration und Co-Creation. Die dargestellten Elemente stammen aus der Zusammenarbeit mit den Beteiligten; die visuelle Beratung übersetzt deren Beiträge in eine Bildsprache. Nach ihrer Darstellung können die Beteiligten deshalb auch kleinste Details erklären.
Der Prozess beginnt mit einer Skizze, die gemeinsam diskutiert, überarbeitet und übermalt wird. Fachliche Einzelheiten bringen die jeweiligen Perspektiven ein. Erst anschließend wird das zunächst unübersichtliche Workshop-Ergebnis zu einem ausgearbeiteten Bild verarbeitet.
Dafür braucht es Vorlauf. Menschen müssen bereit sein, Wissen mit anderen Abteilungen zu teilen und inhaltliche Differenzen auszutragen. Antons spricht ausdrücklich von einem Streitraum: Streit in der Sache soll dem gemeinsamen Ergebnis dienen.
Ein Beispiel zum Wechsel von SAP auf die Oracle Cloud zeigt, wie sich der Auftrag verändern kann. Ursprünglich sollte nur das Ziel dargestellt werden. Im Workshop wurde deutlich, dass die Beteiligten dieses Ziel ohne den Weg dorthin nicht verstehen konnten. Deshalb entstanden zwei Bilder; der Veränderungsweg erhielt besonders viel Raum. Der Wert des Ergebnisses liegt damit nicht allein in seiner Gestaltung, sondern in den gemeinsam geklärten Zusammenhängen.
Beteiligung braucht Zeit und unterschiedliche Ebenen
Auf eine Publikumsfrage erläutert Antons, dass abteilungs- und ebenenübergreifende Beteiligung häufig erst durchgesetzt werden muss. Nur mit der Führungsebene zu arbeiten und ausführende Bereiche kurz hinzuzuholen, reicht aus ihrer Sicht nicht aus.
Ein schönes Bild könne kurzfristig entstehen; ein wirksames Bild benötige dagegen Verbindung zu den Menschen, die damit arbeiten sollen. Beteiligte tragen ein Ziel- oder Strategiebild anschließend zurück in ihre Abteilungen. Schon die Erfahrung, gefragt worden zu sein, könne Wirkung entfalten.
Als ergänzenden Schritt beschreibt Antons, einen Entwurf auf einem Board bereitzustellen und auch nicht beteiligten Personen zwei Wochen lang Gelegenheit für Kommentare zu geben. Wenn Organisationen den Nutzen dieser Beteiligung erlebt hätten, werde der Aufwand bei weiteren Vorhaben leichter akzeptiert.
Didszuweit ergänzt einen niedrigschwelligen Zugang ohne ausdrückliches Visualisierungsmandat: Ein Bild kann als Geschenk und Gesprächsangebot eingebracht werden. Antons beschreibt dazu eine schrittweise Entwicklung der Anerkennung – von der Wahrnehmung als hübsche Zeichnung über Dokumentation bis zur gezielten Unterstützung von Beteiligung.
Haptik und sensorische Zugänge statt ausschließlich kognitiver Arbeit
Didszuweit hebt beim Visual Process Mapping hervor, dass die entstandenen Bilder nicht unbedingt für Außenstehende lesbar sind. Entscheidend ist der diskursive Prozess der Beteiligten, nicht ein allgemein verständliches Endprodukt.
Antons verbindet diese Beobachtung mit dem händischen Arbeiten. Eine große Wand, Stifte und körperliche Aktivität können aus ihrer Erfahrung einen anderen Kommunikationszustand ermöglichen: Die Arbeit verlangsamt sich, Menschen nehmen genauer wahr, fragen nach und werden neugierig.
Zur Einordnung verweist sie auf die Bücher Better in Every Sense und Siebeneinhalb Lektionen über das Gehirn. Sie spricht über das Default Mode Network und „Sense Foraging“ als Zugang über sensorische Wahrnehmung. Zugleich macht sie deutlich, dass sie selbst noch dabei ist, diese Erkenntnisse zu verstehen, und keine genaue Anwendungsvorschrift geben kann.
Ihre praktische Schlussfolgerung bleibt: Tragfähige Lösungen für schwierige Herausforderungen benötigen Zeit, Dialog und gemeinsames Gestalten. Ein Werkzeug allein nimmt diese Arbeit nicht ab.
KI-Bilder: Gestaltung ersetzt keine gemeinsame Bedeutung
Auf die Frage nach KI erklärt Antons, dass bikablo zunehmend auch damit arbeitet. Bei Aufträgen, denen bereits erfolglose KI-Versuche vorausgingen, betrachtet das Team Prompts und Bilder gemeinsam mit den Kundinnen und Kunden. So soll deutlich werden, worin die eigentliche Komplexität liegt.
Antons unterscheidet zwischen einem gut aussehenden Bild und einem Bild, das etwas auslöst. Ein attraktives Ergebnis könne betrachtet, zustimmend aufgenommen und sofort wieder vergessen werden. Gesucht sei dagegen ein Bild, auf das Menschen später zurückgreifen, um gemeinsame Aussagen oder Verabredungen aufzurufen.
Eine solche Verbindung entsteht nach ihrer Erfahrung nicht durch Prompting allein. Auch die Frage, ob sich alles prompten lasse, verfehlt für sie den Zweck der händischen Arbeit: Diese soll Menschen miteinander in Austausch bringen, nicht lediglich ein Bild produzieren.
Praktische Übung: Zufallsbilder als Gesprächsanlass
Die Teilnehmenden öffnen über einen QR-Code ein kleines visuelles Spiel. Einfache Bilder wechseln auf dem Bildschirm und lassen sich durch Antippen stoppen. Möglichst unbekannte Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner sollen sich dann erzählen, was das jeweilige Bild mit ihnen zu tun hat – oder gerade nicht.
Gefragt ist die erste Assoziation, keine vollständige Selbstdarstellung. In der Auswertung berichten Teilnehmende, dass ihnen unmittelbar Bezüge eingefallen seien und sie schnell ins Gespräch gekommen wären. Antons hebt hervor, dass selbst ein Zufallsbild in kurzer Zeit einen persönlichen Bezug ermöglichen kann.
Weitere Varianten verwenden zwei oder drei Bilder. Mit drei Bildern lassen sich Problem, Handlung und Folge verknüpfen: Bei Problem X wird Y getan, worauf Z passiert. Solche spielerischen Einstiege sollen Neugier und die Erlaubnis fördern, zunächst auch ungewöhnliche Ideen zu äußern. Die Prüfung realistischer Lösungen folgt später.
Freiräume schaffen und Neugier ermöglichen
Zum Abschluss fragt ein Online-Teilnehmer nach Freiräumen angesichts des Alltagsgeschäfts. Antons beschreibt viele Menschen als erschöpft. Als entscheidende Fähigkeit nennt sie Neugier: Ohne Interesse helfen zusätzliche Informationen wenig.
Geschichten, spielerische Einstiege und ununterbrochene gemeinsame Arbeitszeit können aus ihrer Erfahrung wieder Interesse am Thema und an anderen Perspektiven ermöglichen. Anfängliche Skepsis gegenüber Musik und bereitliegenden Stiften weiche häufig intensiver Sacharbeit.
Die Ermutigung lautet, Raum für diese Zusammenarbeit einzufordern. Antons bittet außerdem darum, sensorische und rein kognitive Arbeitsformen zusammenzudenken. Für offene Fragen verweisen beide auf das Miroboard des Raums, auf dem weitere Fragen gesammelt und nachträglich beantwortet werden sollen.