Gkc25-Session: Familiengeschichten - Wissenstransfer ins Private
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| Familiengeschichten - Wissenstransfer ins Private | |
|---|---|
| Art | Barcamp-Session |
| KnowledgeCamp | KnowledgeCamp 2025 |
| Sessiongebende | Christian Keller (synartIQ)
|
| Datum | 24.10.2025 |
| Zeit | 14:00 bis 14:45 Uhr |
| Sprache | Deutsch |
| Aufzeichnung | YouTube |
| Im Programm | Programm |
| KI-Unterstützung | GPT-6.1 Sol |
Aus dem Veranstaltungsprogramm:
Session
Wie lassen sich Familiengeschichten bewahren, bevor sie mit ihren Erzählerinnen und Erzählern verloren gehen? Christian Keller diskutierte mit den Teilnehmenden, wie sich Wissenstransfer und Wissenslandkarten aus dem beruflichen Kontext auf Familien übertragen lassen. Gemeinsam sammelten sie Kategorien für eine Familienlandkarte und mögliche Formen der Weitergabe. Ein durchgängiges Thema waren Freiwilligkeit, unterschiedliche Erinnerungen und die emotionalen Grenzen eines solchen Vorhabens.
Ausgangspunkt und Aufbau der Session
Kellers Ausgangspunkt war eine persönliche Erfahrung: Er hatte viel Lebenszeit mit seinem Großvater verbracht. Nach dessen Tod war vermutlich auch ein Teil der Familiengeschichte unwiderruflich verloren. Daraus entstand die Frage, wie bewahrenswerte Erinnerungen und Erfahrungen rechtzeitig erkannt und weitergegeben werden können.
Die Session war als offene Arbeitsrunde angelegt, nicht als Präsentation eines abgeschlossenen Projekts. Keller zeigte seine Überlegungen zu einer persönlichen Familienlandkarte und erläuterte zunächst das Grundprinzip beruflicher Wissenslandkarten. Anschließend entwickelte die Gruppe mögliche Hauptäste für den Familienkontext. Im letzten Teil sammelte sie Darstellungs- und Transfermethoden. Fragen nach Autonomie, psychologischer Sensibilität und den Adressaten der Weitergabe begleiteten die gesamte Diskussion.
Keller stellte ausdrücklich klar, dass er noch keine ausgearbeitete Familienlandkarte als Pilotprojekt präsentieren konnte. Er hatte über Kategorien nachgedacht, aber noch keine entsprechenden Interviews begonnen. Die Session sollte helfen, den Ansatz weiterzuentwickeln und Voraussetzungen für eine Erprobung zu erkennen.
Eine Landkarte zeigt, was bewahrt werden könnte
Keller unterschied zwischen explizitem und implizitem Wissen. Biografiebücher, Stammbäume, Fotos und andere Medien enthalten bereits sichtbare Informationen zur Familiengeschichte. Die besondere Herausforderung sah er jedoch darin, auch Erfahrungen, Bedeutungen und Zusammenhänge zugänglich zu machen, die bisher nicht ausdrücklich festgehalten wurden.
Im beruflichen Wissenstransfer werden nach seiner Darstellung Kategorien aus einem Organisationsverständnis abgeleitet. Sie bieten unterschiedliche Zugänge, um relevante Wissensaspekte zu finden. Ein als wertvoll markierter Aspekt führt anschließend zu einem Transferplan:
- Was soll weitergegeben werden?
- Für wen ist es interessant?
- Mit welcher Methode soll es übertragen werden?
Diese Logik wollte Keller auf Familiengeschichten übertragen. Als Beispiel nannte er eine Erzählung seines Großvaters aus Schlesien über ein Lämmchen, das in eine Kalkgrube gefallen war. Die Geschichte selbst führte er nicht aus; sie stand für eine Erinnerung, die eine Familie gerne bewahren möchte.
Entscheidend war die Abgrenzung zwischen Landkarte und Dokumentation. Die Landkarte enthält nicht automatisch das zu sichernde Wissen. Sie verweist zunächst auf Aspekte, die eine nähere Betrachtung und einen Transfer verdienen könnten. Dabei sind ihre Äste miteinander vernetzt, auch wenn die Darstellung zunächst zweidimensional erscheint.
Von individuellen Erinnerungen zur Familienlandkarte
Die Gruppe diskutierte, ob eine Familienlandkarte von einer einzelnen Person ausgehen oder die ganze Familie abbilden sollte. Ein Einwand betraf die unterschiedlichen Wahrnehmungen gemeinsamer Ereignisse: Was mehrere Familienmitglieder erlebt haben, muss für sie nicht dieselbe Bedeutung besitzen.
Keller beschrieb zwei mögliche Vorgehensweisen. Individuelle Landkarten könnten Ausgangspunkte sein, aus denen Teile einer gemeinsamen Familienlandkarte entstehen. Ebenso sei eine kollaborative Erstellung denkbar, bei der Familienmitglieder zusammen an der Landkarte arbeiten.
Die Unterschiedlichkeit von Erinnerungen blieb dabei eine offene Frage. In der Diskussion wurde betont, dass es darauf ankommt, wer eine Geschichte erzählt, wem sie zugänglich gemacht wird und in welcher Tiefe sie aufgenommen werden soll. Persönliche Deutungen lassen sich nicht ohne Weiteres zu einer einzigen Familienwahrheit zusammenfügen.
Der Ansatz wurde außerdem um praktische Wissensbestände erweitert. Eine Teilnehmerin berichtete von der Erkrankung ihres Vaters und dem Wunsch, Informationen zu Betreuung, Finanzen und Immobilieninstandhaltung festzuhalten. Eine Familienlandkarte kann demnach neben biografischen Erinnerungen auch Wissen enthalten, das für die gegenwärtige Organisation des Familienlebens wichtig ist. Für eine gemeinsame Landkarte sah Keller kein zwingendes Ende, sondern die Möglichkeit einer fortlaufenden Fortschreibung.
Kategorien als Zugänge zur Familiengeschichte
Kellers Ausgangsliste umfasste Stammbaum, Orte, Ereignisse, Zeitstrahl und bedeutsame Menschen. Die Teilnehmenden ergänzten diese Zugänge und differenzierten sie aus. Es entstand keine verbindliche Systematik, sondern eine Sammlung möglicher Suchrichtungen:
- Familienzugehörigkeit und Beziehungen: Stammbaum, Freunde, Bekannte, Nachbarn sowie konflikthafte Beziehungen und Feindschaften.
- Orte und Gebäude: Geburts-, Wohn-, Urlaubs- und Hochzeitsorte, Umzüge, Höfe, Häuser, Übergaben, Neubauten und Renovierungen.
- Ereignisse und Lebensstationen: Geburt, Hochzeit, Reisen sowie persönliche Erfolge, etwa im Sport oder in einer politischen Laufbahn.
- Interessen und Vorlieben: Leidenschaften, Hobbys, Lieblingsfilme oder Lieblingsessen.
- Nicht verwirklichte Möglichkeiten: verborgene Talente und ursprüngliche Berufswünsche, die nicht gelebt werden konnten.
- Gesundheit und praktische Verantwortung: Informationen über Krankheiten sowie Betreuung, Finanzen und Instandhaltung.
- Familienkultur und Konflikte: Feiertage, Gewohnheiten, Regeln, Überzeugungen und schwierige Themen.
Vorlieben wurden ausdrücklich von Leidenschaften unterschieden: Ein Hobby sagt noch nicht aus, welche einzelnen Dinge jemand besonders mag. Bei verborgenen Talenten wurde dagegen die Relevanzfrage sichtbar. Was im privaten Kontext interessant ist, muss im beruflichen Wissenstransfer nicht automatisch relevant sein.
Keller erinnerte wiederholt daran, dass die Kategorien nur Zugänge bilden. Menschen, Orte, Ereignisse und Regeln stehen miteinander in Verbindung. Hauptäste können die Erkundung ordnen, ohne diese Zusammenhänge aufzuheben.
Familienkultur und äußere Lebensbedingungen
Eine Teilnehmerin, die sich als systemische Familientherapeutin vorstellte, lenkte den Blick auf unausgesprochene Regeln, Glaubenssätze und über Generationen weitergegebene Themen. Beispiele waren Vorstellungen wie „Wir müssen immer fleißig sein“ oder die Regel, alles aufzuessen, was auf dem Tisch steht. Solche Aussagen können im Familienalltag wirksam sein, ohne dass ihre Herkunft bewusst besprochen wird.
Die Frage war damit nicht nur, was früher geschah, sondern auch, was übernommen, fortgeführt oder losgelassen werden soll. Keller sah in solchen Begriffen einen direkten Zugang zum impliziten Wissen. Auch scheinbar offensichtliche Kategorien wie Orte könnten bei genauerem Nachfragen unausgesprochene Bedeutungen erschließen.
Zur Familienkultur gehörte zudem die Gestaltung von Feiertagen. Ein Bericht über Weihnachten in einer französischen Familie zeigte, wie der Vergleich mit anderen Gewohnheiten die eigene Familienkultur erst erkennbar machen kann.
Ein weiterer Diskussionsstrang betraf äußere Lebensbedingungen: politische Systeme, wirtschaftliche Verhältnisse, Stadt- oder Landleben und historische Phasen. Als Beispiel wurde ein Großvater genannt, der als Nachkriegskind mit mehreren Familien in einem Haus aufgewachsen war. Diese Information eröffnete einen anderen Blick auf seinen späteren Umgang mit dem Gebäude.
Als mögliche Strukturierungshilfe brachte ein Teilnehmer die PESTEL-Methode ein. Er nannte Politik, Economics, Social, Technology, Law und Ecology als Bereiche, vor deren Hintergrund auch persönliche Lebensgeschichten betrachtet werden könnten. Der Vorschlag blieb eine Anregung, keine ausgearbeitete Familienmethode.
Freiwilligkeit und emotionale Grenzen
Keller stellte die Autonomie der erzählenden Person in den Mittelpunkt. Niemand müsse Wissensaspekte weitergeben, nur weil andere Familienmitglieder daran interessiert seien. Seine Haltung formulierte er so: „Mach nur das, wozu du bereit bist, auch weiterzugeben.“
Die Gruppe diskutierte auch, ob Informationen bereits zu Lebzeiten oder erst nach dem Tod zugänglich werden sollten. Damit verbunden waren Fragen nach informationeller Selbstbestimmung, vertraulichen Inhalten und unterschiedlichen Empfängerkreisen. Keller hielt es für möglich, dass sich Landkarten lebender und verstorbener Personen unterscheiden könnten; eine abschließende Lösung wurde nicht entwickelt.
Die familientherapeutische Perspektive machte die Risiken einer stark analytischen Vorgehensweise deutlich. Schweigen könne Gründe wie Schmerz, Scham oder Schuld haben. Bei der Beschäftigung mit Familiengeschichte könnten unerwartete Themen aufbrechen und Beziehungen belastet werden. Die Teilnehmerin warnte davor, sich selbst therapieren zu wollen oder sich an verschlossenen Themen aufzureiben.
Diese Warnung war keine grundsätzliche Absage an das Vorhaben. Vielmehr sollte der Zugang sorgfältig gestaltet werden. Keller plädierte dafür, schon zu Beginn deutlich zu machen, dass schwierige Inhalte auftauchen können, aber niemand etwas erzählen muss. Der Wunsch, Erinnerungen zu sichern, sollte nicht zu Gruppenzwang werden.
Transfermethoden: digital, analog und gemeinsam gestaltet
Für die Weitergabe wurden verschiedene Formen gesammelt. Eine digitale Oberfläche könnte von der Landkarte aus direkt zu Stammbäumen, Zeitleisten oder vertiefenden Informationen führen. Die Idee war, Zusammenhänge zugänglich zu machen, ohne ständig separate Dateien öffnen zu müssen. Systemische Aufstellungen wurden als mögliche Darstellung von Beziehungen vorgeschlagen.
Fotoalben erhielten eine doppelte Rolle: Sie dokumentieren und können zugleich Erinnerungen sowie Erzählungen auslösen. Keller berichtete von einem Biografieprojekt mit seiner Mutter, bei dem er vorhandenes Material digitalisiert hatte. Dabei wurde deutlich, dass alte Bilder ohne Erläuterungen oft nur für diejenigen verständlich sind, die Personen und Situationen bereits kennen. Die Gruppe betonte deshalb ergänzende Metadaten und Verknüpfungen.
Ein hybrider Ansatz sollte digitale Sicherung mit dem Erhalt von Gegenständen verbinden. Genannt wurden Kisten, Truhen oder Schränke für Erinnerungsstücke und alte Fotoalben. Ein erhaltenes Geburtstelegramm veranschaulichte, dass ein Scan nicht denselben Wert haben muss wie das Original in der Hand.
Für Geschichten wurden Audio- und Videoaufnahmen vorgeschlagen. Keller betonte das dialogische Element: Eine Bitte, etwas noch einmal zu erzählen, könne der Ausgangspunkt einer Aufnahme sein. Andere Beiträge bevorzugten eine natürliche Erzählung gegenüber einem gestellten Interview. Auch Lieder, Akkordeonspiel und auswendig vorgetragene Gedichte wurden als bewahrenswerte Ausdrucksformen genannt.
Als vorhandene Hilfsmittel kamen Erinnerungsbücher wie „Mama, erzähl mal“, „Papa, erzähl mal“ und „Großeltern, erzählt mal“ zur Sprache. Ein vollständig ausgefülltes Buch wurde als wertvoller Wissenstransfer beschrieben. Daneben stand die Erfahrung, dass solche Bücher jahrelang unausgefüllt bleiben können.
Kreative Gemeinschaftsformate ergänzten die Sammlung: Familienwappen, Collagen, assoziative Mindmaps oder ein erfundenes Familientier. Keller konnte sich daraus ein Familienevent vorstellen, etwa zu einem runden Geburtstag, bei dem gemeinsam etwas Erinnerungsbewahrendes entsteht.
Ausblick und Anregungen zur Erprobung
Keller kündigte an, den Ansatz in seiner eigenen Familie ausprobieren zu wollen, und lud Interessierte zu einer gemeinsamen Erprobung ein. Dabei sollte die Transferplan-Logik helfen, Inhalte, Adressaten und Methoden differenziert zu bestimmen: Manche Erinnerungen könnten für die ganze Familie bestimmt sein, andere nur für einen engen vertrauten Kreis.
Als weitere Anregung wurde genannt, vorhandene Stammbaumsoftware auf zusätzliche Kategorien zu prüfen. Keller bot außerdem an, die erarbeitete Landkarte zur Verfügung zu stellen.
Die Schlussrunde verband Ermutigung mit Vorsicht. Eine Teilnehmerin fühlte sich darin bestärkt, ihr eigenes Vorhaben weiterzuverfolgen. Zugleich blieb die Warnung vor der großen Tiefe und Komplexität des Themas bestehen. Keller hielt an seinem Interesse fest: Familiengeschichte zu bewahren bedeutete für ihn auch, darüber nachzudenken, was er seinen Kindern mitgeben möchte und welche Werte ihm wichtig sind.